Oh Knight in Shining Armour

2008
Oh Knight in Shining Armour –  eine multikanale Klangkomposition für einen Portaldrehkran von gksh
Installation von Martin Rumori und gksh.

Wesentlich für die akustische Gesamtsituation ist, dass sich die Umgebungsgeräusche an diesem Ort in 24 Stunden kontinuierlich und drastisch verändern und so das „hörbare Gesamte“ in Verbindung mit den komponierten Klängen ständig neu zusammensetzen. Die Folge der auskomponierten Klänge der Komposition erstreckt sich über einen Zeitraum von 60 Minuten, danach beginnt sie von Neuem.

Lexus Crossover Award 2008.

 

Die zugrunde liegende Raum-Klang Partitur setzt sich aus vier Teilen zusammen

Zunächst werden Geräusche rhythmisch und akkordisch zueinander arrangiert, die vor allem aus mikrofonierten und bearbeiteten Materialklängen des Krans stammen (Metall, Quietschen, kurze Fugenentlastungen, Kratzen, Holzknarzen, Schleifen etc.). Diese Geräusche werden in Gruppen und Clustern über die am Kran angebrachten Lautsprecher bewegt oder an deren Koordinaten fixiert. Wichtiges Element der Komposition ist in diesem Stadium die auskomponierte Lücke, die Stille, die eine Einbettung in die Klangkulisse des unberechenbaren Umgebungsraums ermöglicht. Die Klangestalt der Installation wird durch die Umgebungsgeräusche zu einem sich stetig verändernden Ganzen erweitert. Die Klänge des Krans verschwinden zeitweise in dieser Geräuschkulisse, werden von der Klangflut zu den Hauptgeschäftszeiten überschwemmt und konsumiert, sie werden zu Klangschlieren im Ohr des Passanten.

Im zweiten Teil verdichten sich die Kranklänge und vermischen sich darüber hinaus mit Klängen, die dem geschichtlichen Hintergrund des Krans zugeordnet werden könnten. Bahngeräusche, Hafenarbeitsklänge, Verladebewegungen, ein Klangfundus, der dem „akustischen Gedächtnis“ des Krans an seine vergangenen Aufgaben entspricht und Referenz an die – jetzt überholte – ehemalige Widmung des Werkzeugs ist. Auch diese Klänge werden sporadisch rhythmisch und akkordisch komponiert und in der Zeit arrangiert. Die Komposition entwickelt sich nun deutlich raumgreifender und selbstbewusster in ihrer Artikulation, Akzente klingen impulsiv und dynamisch und beginnen die Geräuschkulisse des Orts zu ergänzen.

Der dritte Teil der Komposition verdichtet sukzessiv rhythmische schnellere Bewegungen modifizierter Klänge des bisher gehörten Materials mit flächigen, drone-ähnlichen Klanggebilden, die den Kran zu umfließen beginnen. Gesucht wird eine Art akustisches Glimmen, vielleicht Leuchten des Objekts. Kontinuierlich anschwellende Flächen breiten sich im Umgebungsraum aus, verschaffen sich Gehör und behaupten jetzt ihren akustischen Ort. Fast wie ein Aufbäumen, ein “Zuwortmelden“ in dieser artifiziellen, modernistischen und modischen Umgebung des neuen Hafens, zieht der Kran zunehmend Aufmerksamkeit auf sich. Dies allerdings seinem Alter und seiner Geschichte entsprechend nicht schrill oder effektvoll, sondern stetig, diskret, fast in sich gekehrt. Die gesamte Komposition treibt einem Höhepunkt zu, den man vor allem dadurch im Umgebungsraum wahrnimmt, dass der Klang dann abrupt abbricht und verstummt.

Es folgen fünf Minuten Stille und Bewegungslosigkeit, dann beginnt der Zyklus von neuem.
Durch die Beleuchtung des Krans in der Nacht und das Abebben der Umgebungsgeräusche verändert sich der Platz, an dem die Installation steht, zu einer kleinen Bühne ohne Publikum. Die Klanggestalt der Arbeit wird somit durch den Einbruch der Dunkelheit in einen anderen Deutungsraum gestellt. An einem ausgestorbenen, verlassenen Ort klingt sie in einer eigenen fremden Sprache und kommentiert die „neuköllner“ kosmopolitischen Visionen aus Stahl und Glas. Wie ein Bewohner aus einer anderen Zeit, der nach Hause zurückkehrt und nichts mehr so vorfindet, wie es sich in sein Gedächtnis eingeschrieben hat, steht der alte Wächter vor den neuen Toren seiner Stadt.

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