TIDE

2007-2009
Daniel Burkhardt und gksh

TIDE ist eine audiovisuelle Raumkomposition, in der die beiden Gravitationskräfte Klang und Bild gleich gewichtet sind.
Ausgehend von neun songartigen Klangskizzen entspinnt sich ein audiovisuelles Beziehungsgeflecht, in dessen Verlauf die beiden Partner in wechselnden Konstellationen aufeinander wirken.

Fertiggestellt während der Residenz im Pact Zollverein Essen, zweites Halbjahr 2008.
UA 26.04.2009 – PactZollverein Essen
Gefördert durch den Ministerpräsidenten des Landes NRW.

 

KOMPOSITION
Die Musik drängt, schiebt, bremst, umrankt und öffnet das Bild, das in seinen Collagen einzelne Klänge und Klangfarben betont, umdeutet und austariert, verwirft und dämpft. Beide laufen Hand in Hand, um erneut gegeneinander vor- und aufeinander loszugehen. Der Klang öffnet einen Raum, eine Atmosphäre, in die sich das Bild schmiegt, in die hinein es sich entfaltet. Das Bild bricht. Wenn es erneut auftaucht, ist die Musik emotionale Interpretation, innerer Widerhall des Sichtbaren. So spannt sich ein Wahrnehmungsfeld auf, das von widerstreitenden Polaritäten kontinuierlich unter Spannung gesetzt wird.
Bild und Klang bewegen sich auf unterschiedlichen Wegen zwischen Schärfe und Diffusität, Licht und Schatten, Überhöhung und Zerstäubung, Verspieltheit und Strenge, Präsenz und Abwesenheit, Aufladung, Erhitzung und Abkühlung. Die wiederkehrenden Formen, Farben, Klänge und Motive nehmen zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Punkte im Netz der Bedeutung ein. In diesen Umwälzungsbewegungen definiert sich ein Raum, der ohne Zentrum auskommt und keine Zentralperspektive beansprucht.

Die musikalischen Kompositionen entfachen einen Wirbel von hoher Dichte und Intensität, der sich den besänftigenden Formen kontinuierlicher Metrik und Harmonie verweigert. Das Videobild ist davon in seinem monolithischen Charakter zutiefst herausgefordert. Um der Differenziertheit der musikalischen Vorlage zu entsprechen, sind die gewohnten Leinwand- und Monitorformate aufgebrochen. Semitransparente Leinwände mit unter-schiedlichen Seitenverhältnissen werden im Raum verteilt gehängt (siehe Anlage). Es entsteht ein audiovisuelles Feld, das sich der Betrachter gehenderweise erschließt. Ein idealer Betrachterstandpunkt existiert nicht. Die Klänge werden über ein im Projektionsraum verteiltes Vierkanalsystem abgespielt.Die Arbeit ist als permanente Rauminstallation konzipiert. Darüber hinaus ist eine erweiterte Version geplant, in der das audiovisuelle Material innerhalb der bestehenden Installationsarchitektur live gespielt und arrangiert wird.

ÜBERWINDUNG DER FORMATE
Die geläufigen Beziehungen zwischen Bild und Musik (Filmmusik/Videoclip/VJ vs. DJ) erschöpfen sich häufig in Funktionalitäten und Illustrationen. Der Möglichkeitsbereich vorstellbarer Beziehungen bleibt fast immer ungenutzt. Eine gemeinsame Dramaturgie, die außerhalb der omnipräsenten und immer wieder aus „Sicherheitsgründen“ etablierten rhythmischen Synchronizität von Bildschnitt und Grundmetrum der Musik existiert, findet selten statt.
Die aufkommende Unruhe im Moment des Ausbleibens, der Verweigerung der Synchronizität führt schnell zum Urteil des Fehlerhaften, Unausgewogenen, der „Nichtkomposition“. Gleichzeitig entsteht ein kurzer Moment erhöhter Aufmerksamkeit, ein Spalt, ein Heraustreten aus dem Singsang des Erwarteten. Diese Aufmerksamkeit im Moment der Reibung, des Hakens zwischen Audio und Video, ist eine Tür für die Suche nach künstlerisch nutzbaren audiovisuellen Erzählweisen. Unter Berücksichtigung ihrer jeweils spezifischen Funktions- und Wahrnehmungscharakteristik eröffnet sich ein neues Terrain hinsichtlich der Gewichtung, der Verschränkung, des Charakters und der Tiefenstaffelung der Erzählweise.

Dieses Neuland betrifft sowohl die audiovisuelle Komposition, als auch ihre Sicht- und Hörbarwerdung im Raum: die Installationsarchitektur. Es gibt im Rahmen der allgegenwärtigen Formatierung des Bilds (4:3 oder 16:9) und des Tons (Stereo, links, rechts oder 5.1., etc.) keine Möglichkeit der Durchdringung der beiden Welten, alles ordnet sich der zweidimensionalen vertikalen Ebene unter.Surroundanordnungen in Videoinstallationen dienen zumeist der Raumbefüllung, dringen aber nicht bis zum Bild durch, um sich mit diesem zu verbinden, da letzteres sich nicht aus seiner Ebene herausbewegen kann und auf zwei Achsen verharrt. Klangliche Topographien wie vorne-links und hinten-rechts befinden sich zumeist außerhalb des Bildes, sowohl faktisch als auch in der Wahrnehmung der audiovisuellen Arbeit. Durch das Auffächern des herkömmlichen Bildformats im Raum, auf gemäldeartige, umschreitbare Leinwände, werden verschiedene Blickwinkel auf die Arbeit möglich. Gleiches gilt für den räumlich wandernden Klang. Die stereomäßige „Sweetspot“-fixierte Raumaufteilung ist aufgehoben. Die verschiedenen Facetten der audiovisuellen Erzählstränge kreuzen sich und kreiseln umeinander. Im zeitlichen Verlauf entstehen an unterschiedlichen Stellen im Raum Verdichtungen und Intensitäten, die sich verschieben und wieder auflösen.

 

 

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