lose enden

2010-2012
lose enden – audiovisuelle Raumkomposition

UA Bochumer Kunstverein Juli 2013.
Gefördert durch den PactZollverein Essen in 2011.

Iose enden überträgt physische Bewegungsgesten akustisch skulptural auf den Raum.
Hierbei geht es nicht um die bloße Wiedergabe vorher aufgezeichneter Klänge, sondern die klangkünstlerische Gestaltung einer physischen Gesamterfahrung, die erst durch das Auseinanderfallen, genauer durch die inszenierte Inkongruenz von auditiver und visueller Information möglich wird und schemenhafte, dreidimensionale Hör-Eindrücke hinterlässt.

DVD-documentation

 

Ich bin blind, und die Musik ist meine kleine Antigone, die mir helfen wird, das Unglaubliche zu sehen.
JEAN LUC GODARD

 

MATERIAL
Über einen Zeitraum von 3 Monaten wurde mit den klanglichen Eigenschaften von 20 Isolierfolien (Leuna Rettungsdecken) experimentiert. Hierzu wurden zunächst verschiedene Gesten bestimmt, wie Wickeln, Reißen, Stoßen, Knoten, Werfen, Verschieben, Knüllen etc. die dann händisch in Serien wiederholt, variiert und akustisch aufgezeichnet worden sind. Diese Gruppen von akustischen Gesten wurden dann im Rahmen ihrer klanglichen Eigenschaften im Computer verändert und komponiert, ohne die Herkunft (Gruppe) des Klangs zu verwischen. Diese Miniatur-Klangkompositionen wie auch die verwendeten Decken waren das Ausgangsmaterial für die skulpturale Raum-Klangkomposition, die dann während einer Residenz im Pact Zollverein Essen im Frühjahr 2011 entwickelt worden ist. Im folgenden Jahr wurde an der Spatialisierierungssoftware der Klangminiaturen weitergearbeitet, so dass lose enden im Frühjahr 2012 abgeschlossen werden konnte.

INSTALLATION
Ein Cluster aus 8 Genelec 8020 Lautsprechern wird auf einer Fläche von 9 x 7 Metern positioniert. Die Lautsprecher liegen z.T. auf dem Rücken, auf der Seite oder stehen in der ursprünglich vorgesehenen Weise. Die Folien werden auf dieser Fläche über den Lautsprechern ausgelegt. Ihre Seiten werden unsichtbar auf dem Boden und aneinander verklebt. Hierbei entsteht eine Topographie, geprägt durch die Positionen der Lautsprecher und die verschiedenen Knicke und Faltungen der Decken, die durch die unterschiedlichen Bearbeitungsvorgänge in das Material eingeschrieben und dort erstarrt sind. Die Fläche kann an allen Seiten vom Publikum erreicht und umschritten aber nicht betreten werden (Umlauf). Im Verlauf des Probenprozesses wurden die verschiedenen Grundgesten auf den Raum übertragen und zwar durch ein Abspielen in den Raum über die nicht sichtbaren Lautsprecher. Hierbei wurden die Miniaturkompositionen für verschiedene Lautsprecher bzw. Kanäle und ihre Kombinationsmöglichkeiten arrangiert. Dies ermöglicht die Bewegung und Verschränkung der Klänge im Raum. Durch die verschiedenen Ausrichtungsmöglichkeiten, das Bespielen über oben und unten und die Geschwindigkeit der Klangabfolgen, den Rhythmus und die Färbung durch die Folien kann der Klang plastisch im Raum modelliert werden. D.h. die Vergangenheit des erstarrten Materials wird akustisch physisch gegenwärtig. Hierdurch entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen auditiver und visueller Wahrnehmung. Während akustisch der Raum (Resonanz) und in ihm -die ursprünglichen Gesten mit ihren Variationen- aktiv und in Bewegung ist, liegen am Boden befestigt, die Decken, und legen nur aufgrund ihrer Zeichnungen Zeugnis ihrer „bewegten“ Geschichte ab. Während das Ohr aufgrund der Spatialisierung der Klänge den Raum durchwandert (mitten auf dem Feld, leicht versetzt vom Zentrum, gleichzeitig durch die entstehenden Phantomquellen an den Wänden und an der Decke über Kopf, dann wieder in allen Ecken…) tastet das Auge das Folienfeld ab und wird keinerlei Aktivitäten gewahr. Dieser Abstand erzeugt den eigentlichen Raum, in den die Wahrnehmung des Besuchers die Gesten projizieren kann. Die Installation wird von einem Computer gesteuert und verändert sich stetig in der Zeit und im Raum. Für den Besucher kommt es durch die ständigen Wechsel zwischen Lautstärke- und Positionsverhältnissen so wie verschiedenen Verfremdungsgraden der „original“ Klänge der Folien zu einem anhaltenden Frage und Antwortspiel mit der eigenen Wahrnehmung: Sind das die Folien, die sich leicht bewegen, bewegt werden, die so knistern? Sind das noch Folienklänge oder kommt der Klang aus dem Gebäude? Ist hier überhaupt etwas zu hören oder liegen hier nur goldene Folien? Rege ich den Prozess der Klangwanderungen an oder ist dieser automatisiert? Sind die Pausen – Pausen? Ist Stille – Stille?

DAS FELD
Das Feld ist nicht betretbar aber umschreitbar, eine Art Landschaft, Halde, erstarrt. Eine Barriere. Es definiert den wahrnehmbaren Raum zum einen durch seine visuell wahrnehmbaren Grenzen im Raum, zum anderen durch die sich ständig unter und über der Oberfläche verändernden und wandernden Klangstrukturen. Ausserdem gibt das Feld die Positionsmöglichkeiten der Besucher vor, da es wie eine Spalte oder ein Brunnen im Boden seine Umgebung vom Zentrum her definiert.

FOLIEN | FILTER | PERFORMANZ
Die von mir verwendeten Folien werden in den letzten Jahren bemerkenswert häufig in Performances verwendet. Meistens dienen diese dort als glitzernder Blickfang, der auch noch Klang produziert und zur Verhüllung des Körpers herangezogen werden kann. Am Ende liegen die Folien irgendwo oder zumindest unbeachtet, leise knisternd am Bühnenrand herum. In dieser Nebensächlichkeit liegt für mich eine Herausforderung. Die meisten Performances, die mit Klang arbeiten, verwenden diesen meiner Erfahrung nach als auswechselbare Notwendigkeit. Eine detaillierte Beschäftigung mit den klanglichen Eigenheiten des Materials findet fast nicht statt, da der Schwerpunkt meist auf visueller Effektivität und Wahrnehmbarkeit liegt. Dass Musik (genau wie Video) im Theater meist nur „eingesetzt“ wird, ist eine bekannte Position, dass aber Tanz und Performance sich für die verwendeten Musiken und Klänge meist nicht interessieren, wird in meiner Wahrnehmung zu wenig thematisiert. Die meisten Darbietungen haben für mich genau an dieser Stelle eine entscheidende Schwäche. Warum verwende ich ein Mittel, wenn ich es nicht ernst nehme, in dem ich nur einen Teil davon (Rhythmus, Fläche, etc.) verknüpfe, den Rest aber nicht eliminiere? Durch die beiläufige oder nebensächliche Behandlung der auditiven Dimension kommt es in den meisten Fällen nicht zur kompositorischen Verwebung mit den Bewegungsgesten. Somit entsteht eine „Restinformation“, die ungeklärt im Raum steht (aber nun mal gesetzt, also an eine Aussage geknüpft) und anscheinend völlig überflüssig ist. Die Folien in lose enden sind hingegen feste Bestandteile der audiovisuellen Raumkomposition. Sie erfüllen gleich mehrere Funktionen: Zunächst sind sie die ursprünglichen Klangquellen. Alle Klänge entstammen ausschließlich der Beschäftigung mit diesem Material. Weiter verdecken sie die am Boden liegenden Lautsprecher. Durch das Verschwinden der technischen Klangquellen verändert sich die Wahrnehmung des Gesamtklangs. Bei Sichtbarkeit des Lautsprechers heftet sich das Auge immer an den Apparat. Dies führt unmittelbar zur Abschwächung der Assoziationskraft des auditiven Eindrucks. Außerdem werden die vom Boden aus abgestrahlten Klänge je nach Lage und Ausrichtung der Lautsprecher gefiltert und unterscheiden sich dadurch in ihrer Färbung deutlich von Phantomschallquellen, die von der Decke und den Wänden in den Raum zurück geworfen werden und scheinbar mit dem Feld kommunizieren. Durch eine Bewegung des Klang-Clusters über das Feld und gleichzeitig eben auch auf den physischen Grenzen des Raums, kann dem Raum eine dritte Färbung gegeben werden, die als akustische Bewegung aber auch psychoakustisch als physische Geste wahrgenommen wird. Zudem positionieren sich die Besucher automatisch im Raum und im Verhältnis zum Feld sobald sie feststellen, dass die Klänge wandern und – je nach Abhörposition – ihre Eigenschaften verändern. Es kommt zu stetigen Umgruppierungen der Körper und der Spannungsverhältnisse der Besucher untereinander. Somit wird über die auditive Wahrnehmung angeregt, die gesamte Szene performativ und ohne Kamera-Tracking oder Verkabelung des Besuchers im eigentlichen Sinne des Wortes interaktiv.

LOSE
Die Arbeit wird von einem Computer gesteuert. Ein von mir entwickeltes Patch variiert die Reihenfolge und Spatialisierung der Miniaturkompositionen und ordnet diese in sich verändernden Loops an.

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