differing paths

2004-2006
differing paths [d.p.] – ein audiovisuelles Experiment
Der Versuchsaufbau verarbeitet Texte, Musiken und Filme verschiedener Urheber und stellt sie einem Rezipienten zur freien Kombination zur Verfügung.

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Die Arbeit wurde im Januar 2004 mit der Komposition einer Musik begonnen.
Das Stück wurde auf CD in 450 Umschlägen von Hand zu Hand in verschiedenen Ländern verteilt.
Der Folgeprozess setzte sich mit Reaktionen und Mutationen des Materials auseinander.
Abgeschlossen wurde differing paths mit einem Festival aus Konzerten, Lesungen und einer Text-Ausstellung vom 30.11. – 04.12.2006 in Köln.
Teil dieser Kette von Veranstaltungen war die Installation in der Molkerei am 04.12.2006.

d.p. prüft Ideen der flexiblen Partitur, des Künstlers als Sammler und Initiator und des offenen Kunstwerks in Bewegung sowohl auf der Ebene der Materialfindung und -sammlung als auch auf der, der Präsentation. Darüber hinaus ermöglicht die Anordnung des Experiments die Beobachtung von Informationsflüssen in einem weit gespannten Netz von Informanten und Informationsempfängern und macht die Zerfaserung, Zusammenführung und Modulationen dieser Ströme erkennbar.

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VORWORT DES KATALOGS von GUNTHER GELTINGER

Am Anfang ist selten ein Wort, und wenn die Worte irgendwann folgen auf das, was am Anfang war, ist jenes Anfängliche schon längst zum Geheimnis geworden und zum Mythos. Doch sowohl in der Erinnerung als auch in den Worten und Bildern, die als Nachhall auf das folgen, was da am Anfang war, bleibt ein Moment tief empfundener Fremdheit zurück, und Fremdheit zur Welt, schreibt Theodor W. Adorno, sei ein Moment der Kunst.
Was später zum Geheimnis wird und zum Mythos durch das Wort und das Bild, ist am Anfang wohl stets eine Art Geburt; kein Moment des Lebens wird mehr von einer solch existentiellen Fremdheit zur Welt geprägt sein wie der des ersten Augenaufschlags. Doch wir wissen es nicht; diese Worte schon nähren den Mythos, und eine Erinnerung an den Moment der Momente haben wir nicht. Was also bleibt, ist der lebenslange Nachhall dieses Moments, ist ein Frösteln, ist, wenn für einen Augenblick Stillstand eintritt in unserer lauten, lärmenden Welt, diese tief empfundene Fremdheit all diesem Getöse gegenüber, ein Bewusstsein von Stille, die dorthin verweist, wo nichts ist und doch alles herkommt und alles hingeht, und was bleibt von dieser Stille, die bald wieder im Lärm versinkt, ist vielleicht ein leises Gefühl des Unbehagens.
Noch vor den Worten, also zwischen dem Anfang und seinem Mythos, ist die Musik. Wenn uns die Worte versagen, ist es die Musik, die die Gefühle trägt in eine Richtung, in der es dunkel in unserer Erinnerung wird; während wir noch über das eine oder andere Wort nachdenken, hat uns eine Musik schon längst einen Schauer der Wärme oder des Frosts über den Rücken gejagt.
Als ich im Frühling 2004 zum ersten Mal das Musikstück differing paths hörte, wurde mir kalt. Als Gerriet mich dann in einem seiner 450 Briefe, die in jener Zeit seine Wohnung verließen, auch noch zum Schreiben eines Textes zu diesem Musikstück einlud, blieb es lange Zeit unangenehm still in mir. Als er mir schließlich von seinem Plan erzählte, dieses Musikstück zu Texten und diese Texte zu Filmen und diese Filme wiederum zu Musik werden zu lassen, reagierte ich sehr skeptisch.

Ich hielt das Projekt im Stadium seiner musikalischen Komposition, also unmittelbar nach dem Anfang und noch lange vor den Worten und Bildern, für abgeschlossen, gab für mich doch diese Musik genau jenem Frösteln, jenem leisen Gefühl des Unbehagens, jenem Nachhall auf den Moment der maximalen Fremdheit eine Stimme. Für mich sei differing paths der Klang, den die menschliche Seele, reduziert auf ihre bloße Resonanz in der gigantischen Leere des Seins, am fernsten, dunkelsten und kältesten Punkt des Weltalls erzeuge, und basta, erzählte ich Gerriet an einem Frühlingstag, an dem wir mit entblößten Armen auf dem Universitätscampus saßen, mitten unter lachenden und schnatternden und Bier trinkenden Studenten, die ihre winterbleichen Gesichter dem nahenden Sommer entgegen reckten. Was ich Gerriet nicht sagte, mir aber für mehrere Wochen die Worte raubte, war die Tatsache, dass dieser fernste, dunkelste und kälteste Punkt im All, den differing paths zum Klingen brachte, zugleich der zärtlichste war. Ich schrieb dann doch noch eine Kurzgeschichte, sie handelte von einer Mutter, die am Spielplatz ihres Kindes einem Fremden begegnet, in eine tiefe Krise stürzt und erneut schwanger wird, es war mittlerweile schon fast Sommer, und der Rücklauf auf Gerriets 450 Briefe hatte längst eingesetzt: Wöchentlich gingen Texte unterschiedlichster Gattungen bei ihm ein: Gedichte, Kurzgeschichten, Stimmungsbilder und Gedankenströme bis hin zu Begriffstabellen und hochemotionalen persönlichen Bekenntnissen.

Erstaunlich – oder, je nach Betrachtungsart, konsequent – war die Tatsache, dass in diesen Texten immer wieder das Thema der Geburt in verschiedensten Motiven auftauchte und sich auch später bei der filmischen Umsetzung dieser Texte wie ein roter Faden durch die Arbeiten zog – changierend, nuancierend, spielerisch und facettenreich, wie es das Projekt differing paths in seinem Wesen selbst ist, aber immer, auch in den komischsten Momenten, pulsend und drängend in jene Stille hinein, in der ich beim ersten Hören von Gerriets Komposition das Scharren und Scheuern, das Klirren und Knarren, das Bersten und Splittern und schließlich das Atmen und Herzschlagen meines eigenen Lebens in einer Leere zu vernehmen geglaubt hatte, die man vielleicht den Anfang nennen könnte. Dass aus dem Frösteln, dem Moment tief empfundener Fremdheit ein lebendiger, ein blühender und schillernder Kosmos geworden ist, eine neue, eigenartige und einzigartige Welt, hervorgegangen aus mannigfachen menschlichen und künstlerischen Berührungen, Findungen, Vereinigungen, aber auch aus Verwerfungen und kleinen Toden, eine gestaltete Wirklichkeit, von deren Vielschichtigkeit dieser Katalog einen Eindruck vermitteln soll, all das spricht für Gerriets wunderbares und auch ein bisschen wundersames, überaus gewagtes und nicht ganz wahnsinnsfreies Experiment, spricht für die Kunst, spricht dafür, unsere Fremdheit zur Welt fortwährend in eine fremde Welt zu verwandeln, die es uns, indem wir sie uns erschließen, ermöglicht, über Bilder, über Worte und über die Musik dem Geheimnis dessen, was da am Anfang im Verborgenen liegt, ein bisschen näher zu kommen.

Als Gerriets Freund und Kollege, der das Projekt d.p. von seinen ersten Gehversuchen bis zu seinem aktuellen Stadium großen künstlerischen Reichtums und gereiften Formbewusstseins begleitet hat und zeitweise selbst als Künstler darin involviert war, bleibt mir an dieser Stelle nur, dem Projekt als auch seinem Urheber zu wünschen, dass die „differing paths“ in ihrer formalen und medialen Mannigfaltigkeit weiterhin wachsen und wuchern, sich den Beschneidungs- und Verstümmelungsgelüsten eines profilgeilen Kunstmarktes geschickt zu entziehen und weiterhin den Moment der Fremdheit zur Welt im Zentrum ihrer Poesie zu behalten wissen.
Möge jenes leise Gefühl des Unbehagens, das die Mutter in meiner Kurzgeschichte vor der Geburt ihres zweiten Kindes empfindet, auch die Tage von differing paths begleiten wie ein Hall.

[Gunther Geltinger, Januar 2006]

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