Ghosts in Princeton
von Daniel Kehlmann
Juli / September 2011
Kurt Gödel, 1906 in Brünn geboren, nahm als junger Physikstudent an den wöchentlichen Sitzungen des Wiener Kreises teil, der sich mit den methodischen Grundlagen des Denkens auseinandersetzte. Mit knapp 24 Jahren revolutionierte Gödel die mathematische Logik mit seinem Unvollständigkeitssatz und bewies später, dass die Möglichkeit von Zeitreisen theoretisch nicht auszuschließen ist. In Geister in Princeton zeichnet der Autor Daniel Kehlmann die Lebensstationen des Geistesgiganten Kurt Gödel und seiner Frau Adele zwischen Wien und Princeton nach. In einem Spiel aus Fakten, Fiktion und Philosophie zeigt er Gödels abgründige Gratwanderung zwischen grenzensprengendem Denken, logischer Brillanz und einem selbstzerstörerischen Rationalismus, der vor Nahrungsverweigerung als logische Konsequenz seiner Angst vor einer Vergiftung nicht halt machte (Schauspielhaus Graz).
Regie: Anna Badora
Bühnenbild: Raimund Orfeo Voigt
Kostüme: Beatrice von Bomhard
Musik: Gerriet K. Sharma
Licht: Tamás Bányai
Video: Philipp Haupt
Dramaturgie: Regula Schröter
Die Raum-Klangkomposition orientiert sich an der für Dritte zu Lebzeiten nur schwer durchdringbaren, hermetischen und in sich konsistenten Gedanken- und Erlebenswelt Kurt Gödels, wie sie von Daniel Kehlmann literarisch skizziert wird.
Das Material -
Das Klangmaterial wurde überwiegend in Anlehnung an die ersten Computermusiken der 50er und 60er Jahre entwickelt. Analog zu der (bis heute andauernden) Auseinandersetzung, ob es jemals Maschinen geben wird, die denken können werden, und was Denken dann „ist“, wurde damals (schon oder immer noch) diskutiert, ob Computer als musikalische Instrumente oder gar Kompositionswerkzeuge taugen können und was Musik dann „ist“.
Die seit den 50ern im Computer erzeugten Klänge waren „fremdartig“ und wurden häufig als unmenschlich, künstlich, kalt, unnatürlich empfunden. Nicht von ungefähr tauchen diese Klänge im Theater (Brün, Faust (Kortner), München 1956), vor allem aber im Film bei futuristischen Weltdarstellungen oder Geistergeschichten auf. Sie gehören nicht in „diese Welt“. Die Musik von Außerirdischen. Darüber hinaus wurden innere Welten, Befindlichkeiten und psychische Zustände mit synthetisch erzeugten Klängen dargestellt.
Diese Konventionen wurden selten in Frage gestellt und werden auch heute als „normal“ hingenommen. Dass unser Alltag mittlerweile überwiegend aus „künstlichen“ Klängen besteht (Ansagen im Bahnhof, Musik im Kaufhaus, Bedientöne an Küchengeräten, Haustürklingeln, Handys, etc.) , wird in der öffentlichen Wahrnehmung nahezu ausgeblendet. Entsprechend (leider) stellt sich auch das Theater dieser Klangwelt nicht. Die Musik bei „Geister in Princeton“ greift diese Klischees auf und befragt sie gleichzeitig auf ihre Gültigkeit im Kontext der Gedankenwelt eines Ausnahmedenkers. Umgeben von Außerirdischen, Agenten und Geistern und recht desinteressiert am täglichen Raum-Zeitgefüge, macht Gödel keinen Unterschied im Umgang. Sein Alltag ist konsistent in seinem Erleben.
Darüber hinaus werden aufgezeichnete und bearbeitet Klänge des Bühnen- und des Zuschauerraums verarbeitet. So kann die „natürliche“ Raumatmosphäre (Lichtgeräusche, sehr laute Video-Projektoren, Lautsprecherrauschen, Züge, Türen, Umbauten etc.), vergrößert oder rhythmisch oder klanglich eingebunden werden.
Bespielt wird der Zuschauerraum über sechs Lautsprecher, die links und rechts der Bühne, hinter dem Publikum und in der Kuppel montiert wurden. Das Haus wird zur Klang-Welt, das Haus ist das Instrument.
Theaterraum, Maschine -
Der klassische Theaterraum ist ein absolut künstlicher Ort, der ausschließlich zur Erzeugung von Erlebniswelten, d.h. im Zeitpunkt der Inszenierung - dem Erleben von real empfundenen Momenten - gebaut wurde. Insofern ist der Apparat Theater absolut synthetisch. Das „Realste“, „Echteste“ ist der auftretende Mensch (Beruf Schauspieler) und der Besucher (in diesem Moment meistens Freizeitgestalter) als Teilnehmer. Der Rest (ein großer Teil) ist Maschine. Ich bin mir selber nie sicher, ob eine Geige im Theater als „real“ gehört werden kann oder ob es nicht eine Geige ist, die (oder ein Lautsprecher, der) Geige „spielt“. Diese Maschinerie wurde in einem mehrwöchigen Probenprozess programmiert. In diesem Prozess werden verschiedene Klang-Codes erzeugt, gelesen, übersetzt und verwoben - oder verworfen.
Strukturen, Schleifen, Zeit -
Aus dem Rohmaterial, das sich in Frequenzspektrum und Tonlage im Probenprozess an den Stimmen der Schauspieler, der Übertragungsfärbung der Mikroports und den textlichen Anlagen der Rollen orientiert hat, wurden 10 Themen entwickelt, die unterschiedlich mit den Stimmungen auf der Bühne und den Raumverhältnissen (Drehbühne, Scheibe vor dem Bühnengeschehen) umgehen. Analog zu einem der Schlüsselsätze „der Zug fährt im Kreis…“ tauchen diese Raum-Klangthemen immer wieder als Stationen auf. Jeweils geloopt mit anderen Einsatzpunkten und in anderen Schichtungen und Raumkonstellationen.
Auch die Materialbehandlung der Themen variiert in Zeit und Raum: So tauchen Klänge in zeitlich gestauchter oder gedehnter Weise wieder auf und werden unterschiedlich im Raum in Verhältnis zueinander gesetzt (senkrecht aus der Kuppel, von vorne, links/rechts, von hinten, links/rechts). Darüber hinaus werden die geloopten Einzelklänge stetig gegeneinander verschoben. So kommt es wiederholt zu Begegnungen mit Bekanntem (akustischen Material) aber aus verschiedenen Perspektiven heraus mikro- und makroskopisch beobachtet und in stetig wechselnden Raumbezügen.